Preisregen

1. Uwe Tellkamp gewinnt mit dem Roman „Der Turm“ den Deutschen Buchpreis 2008. Wir hoffen, dieses Mal ist es wirklich das große deutsch-deutsche Wende-Epos, als das es angekündigt wurde!
2. Der Inder Aravind Adiga erhält mit seinem Debütroman „The White Tiger“ den mit 63.500 Eruo dotierten begehrten Booker-Preis. Favorit Sebastian Barry ging mit seinem Werk „The Secret Scripture“ leer aus.

Geld fürs Lesen

80.000 Neuerscheinungen pro Jahr. Wer soll das lesen und vor allem wann? Das fragt sich auch das Grazer Feuilleton-Magazins schreibkraft und vergibt deshalb ein Stipendium fürs Lesen. 70 Menschen aus Österreich und Deutschland haben sich beworben. Um sich zu qualifizieren, mussten sie lediglich Wunschleselisten mit 10 Titeln (mind. 5 von lebenden Autoren und 3 von Kleinverlagen) einreichen. Die überraschten dann auch die Macher von schreibkraft: oft wurde die österreichische Lyrikerin Friederike Mayröcker genannt (kennt die in Deutschland jemand?), weiter ging’s mit Karen Duves „Taxi“ (Longlist-Buch Deutscher Buchpreis), Norbert Gstreins „Die Winter im Süden“ und Iris Hanikas Debüt „Treffen sich zwei“ (Shortlist!). Einer wollte sich ausschließlich mit slowenischer Literatur beschäftigen, ein anderer mit den Bilderbüchern des französischen Illustrators Bruno Heitz. Trivialliteratur stand zwar auch auf den Listen, so die schreibkräfte, aber sie war die Ausnahme.
Nächste Woche soll nun entschieden werden, wer das Stipendium erhält. Übrigens: geprüft wird die Lektüre nicht. Lediglich berichtet werden soll über das dreiwöchige Lesevergnügen … auf dem Zehn-Jahresfest-Fest von schreibkraft.

gelesen in „Süddeutsche Zeitung“ vom 15.10.2008

Miranda July: No One Belongs Here More Than You.

Es ist schon manchmal verrückt, wie der Mensch funktioniert. Mal angenommen, ich eile durch die hektisierenden Einkaufsstraßen einer Großstadt und versuche, alles Wichtige im Kopf zu behalten, das es hier und jetzt unbedingt zu erledigen gilt. Bis plötzlich eine sehr nackte Frau vor mir steht, die mit lautem Geschrei Farbeimer über ihrem Kopf auskippt, mit einer Kettensäge herumfuchtelt, Feuer spuckt, sich dann mit wütendem Gesang auf dem Boden wälzt und mit all dem um Aufmerksamkeit buhlt. Vielleicht schmunzelnd, vielleicht schulterzuckend werde ich an dieser Situation vorbei gehen und sie sofort wieder vergessen haben. Nicht, weil ich etwas gegen diese Art von Performance-Kunst habe, sondern weil mir das zu bunt, zu laut und zu pathetisch ist, wodurch ich das Gefühl habe, dass das alles rein gar nichts mit meinem Leben zu tun hat.

Was aber, wenn die Frau keine Kettensäge und keine Wut mitgebracht hat? Was, wenn sie Feuer und Farbe, wenn sie alles Lärmende, Aufdringliche und Demonstrative für unnötig gehalten hätte? Wenn sie mich stattdessen schweigend, aber gründlich angesehen hätte? DIREKT INS AUGE? Zwar hätte ich wohl dennoch weiter gehen können. Aber ich bin sicher, dass es mir viel abverlangt hätte, ihrem Blick standzuhalten, dass sie mich irritiert hätte und noch eine ganze Weile beschäftigt.

So bin ich auch wenn es um Erzählungen geht: das Plakative lässt mich kalt. Richtig nah an mich ran kommt nur das Leise.

Auch Miranda July hat sich mit Performance-Kunst einen Namen gemacht – allerdings selten laut, dafür meistens deutlich. In ihrem Spielfilm „Me And You And Everyone We Know“ (2005) verwebt sie hintergründige Geschichten von leicht schrulligen Normalos auf der Suche nach Liebe. Und mit ihrem ersten Kurzgeschichtenband bleibt sie den leisen Tönen treu. „No one belongs here more than you.“ (2007)hier von der Autorin selbst vorgestellt) (dt.:Zehn Wahrheiten“) fordert seine Leser heraus, ohne diese durch dabei angewandten Übereifer zu verschrecken. Miranda July bietet ihnen wie jede/r gute Autor/in hinter jeder Geschichte viel Platz und Anstoß zur Selbstreflektion, überlässt es ihnen aber selbst, ob sie diesen Weg wirklich gehen wollen. So könnte man sich natürlich auch einfach zurücklehnen, um die Figuren dieser kurzen Erzählungen als schrullig, bedauernswert und einsam zu betrachten, um ihre Eigenheiten zu belächeln oder darüber die Nase zu rümpfen. Oder man lässt ein bisschen Grübelei zu und fragt sich, wie nah man unter der Oberfläche doch eigentlich selbst dran ist an all dieser Kauzigkeit, Verunsicherung und Suche nach Liebe.

In jeder der 16 Geschichten erlebt man skizzierte Figuren in skizzierten Situationen, die allerlei Vergangenheit mit sich rumschleppen. Meist sind sie mitten in den Dreißigern, aber noch nirgendwo richtig angekommen. Mal sorgt man sich um sie, mal wird man von ihnen überrascht. Oft benehmen sie sich eigenartig, aber immer glaubt man zu ahnen, warum. Sie sind keine ach so guten oder schlechten Menschen, weder Helden, die einfach alles schaffen, noch kann man sie „Looser“ nennen oder komplett Gescheiterte. Sie sind Menschen, die vielleicht zu viel allein sind, die zu viel nachdenken und Sicherheit suchen. Denn dass das mit den Gefühlen immer absolut schillernd und großartig und perfekt zu sein hat und das mit dem Sex sowieso bekommen wir von der Pop-Kultur doch täglich aufgedrängt, wodurch ein vielfaches Scheitern an diesen Maßstäben im Grunde für jede/n unausweichlich ist. Damit kommt der eine gut zurecht, der andere eben weniger.

So werden in „It Was Romance“/“Es war Romantik“ Kursteilnehmerinnen dabei beschrieben, wie sie lernen wollen, romantischer zu sein, ungewöhnlicherweise in einem Samstagslehrgang voller entsprechender Übungen und Mantras. Bis in der Pause deren Einsamkeit offensichtlich wird und die Unbeholfenheit im Umgang mit sich selbst und anderen. Alles mündet in einem wirklich rührenden Moment, der wiederum von reichlich unbeholfenem Schmerz umgeben ist. Was genau das Ergebnis dieser Szene für deren zwei Hauptpersonen ist, muss dabei am Ende meinen Ahnungen als Leser/in überlassen bleiben.

Die Sprache erscheint mir ausgefeilt und doch unbemüht und frei von krampfhaft erzeugter Symbolik. Mal sehr direkt, mal voller Poesie. Ohne ironische Distanz, ohne peinliches Pathos. Und irgendwie ist alles klein: die Sätze, die Leute, die Dramen. Erst dahinter schimmert dann das Große, was diese Geschichten so unglaublich gut macht.

Aber auch anstrengend. So muss ich zugeben, dass mich diese Lektüre irgendwie erschöpft hat, dass ich immer mal wieder Pausen brauchte zwischen den einzelnen Erzählungen. Und nein, gute Laune habe ich nicht bekommen vom Lesen in diesem Buch, aber auch nicht deren Gegenteil. Vielmehr empfand ich –neben einer nachdenklichen Aufgewühltheit – durchaus auch ein Gefühl tiefer Zufriedenheit, weil ich fand, etwas wirklich Großartiges gelesen zu haben.

Auch weil die Autorin in Mikro-Details noch Dramatisches zeigen kann. Weil der Humor nie flach ist oder auf Kosten der Figuren. Und weil ich am Ende immer wieder Hoffnung mitschwingen zu spüren glaube.

Und noch ein wunderbares Gefühl bleibt: hier wird niemand karikiert und verraten. Hier wird nicht geurteilt und nicht bewertet – nicht über die Protagonisten und auch nicht über die Leser. Vielmehr weht eine Zärtlichkeit durch die Zeilen, die den Blick direkt ins Auge (und deren Wirkung dicht dahinter) erträglich macht.

  • dazu hören: „In The End“ von Scott Matthew (youtube)
  • dazu ansehen: Miranda Julys Website