{"id":166,"date":"2009-03-06T12:34:44","date_gmt":"2009-03-06T10:34:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=166"},"modified":"2009-03-06T12:34:44","modified_gmt":"2009-03-06T10:34:44","slug":"joseph-oneill-niederland","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=166","title":{"rendered":"Joseph O&#8217;Neill: Niederland"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/222.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-168\" title=\"222\" src=\"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2009\/03\/222-150x150.jpg\" alt=\"222\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a>Zu den &#8211; (je nach Perspektive) zahlreichen oder sp\u00e4rlichen &#8211; Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und amerikanischen Gegenwartskultur z\u00e4hlt wohl das komplette Scheitern aller Versuche, <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Cricket\" target=\"_blank\">Cricket<\/a> irgendwo nahe der Gesellschaftsmitte zu etablieren. Zwar gibt es auch hier schon seit \u00fcber 130 Jahren Cricket-Enthusiasten, doch sind diese bis heute Randgruppe geblieben. Und ebenso ergeht es ihnen in den Vereinigten Staaten.<\/p>\n<p>Letzteres m\u00f6chte Chuck Ramkissoon, der aus Trinidad stammt und zu einem begeisterten Amerikaner geworden ist, mit viel Leidenschaft, einem vorgeblich wasserdichten Plan und dem unersch\u00fctterlichen Glauben an den \u201cAmerican Dream\u201c <em>(ein zentrales Thema des Buches, von dessen Hauptfiguren keine in Nordamerika geboren wurde) <\/em>\u00e4ndern. Denn der eloquente und einfallsreiche Neu-Amerikaner, der eigentlich Khamraj hei\u00dft, ist davon \u00fcberzeugt, dass dieser Sport sein Land retten kann. Hans van den Broek, ein in Holland geborener und \u00fcber London ebenfalls nach New York gekommener B\u00f6rsenanalyst, soll ihm dabei helfen. Gleichzeitig ist er der Erz\u00e4hler dieses Buches. <em>(Was nicht die einzige Reminiszenz zu \u201cDer gro\u00dfe Gatsby\u201c bleiben wird.) <\/em><!--more--><br \/>\nF\u00fcr Hans k\u00f6nnte dieses Projekt eine M\u00f6glichkeit sein, ihm durch eine Lebenskrise zu helfen. Seine Frau ist mit dem kleinen Sohn zur\u00fcck nach London gegangen und er f\u00fchlt sich entfremdet &#8211; sich selbst, seiner Familie und seiner Identit\u00e4t. Dazu passend lebt er in einem Hotel <em>(in das er nach 9\/11 mit seiner Familie ziehen musste, das sie aber auch dann nicht wieder verlie\u00dfen, als die Beh\u00f6rden eine R\u00fcckkehr in das urspr\u00fcngliche Familiendomizil wieder erlaubt hatten)<\/em>, zu deren anderen, teils herrlich skurrilen Bewohnern er keinen wirklichen Kontakt findet.<br \/>\nDer ihm seit seiner Jugend vertraute Sport gibt seinem geschrumpften Leben Struktur und Wurzeln zur\u00fcck. In der New Yorker Cricket-Subkultur, die f\u00fcr ihn bald zu seiner ungew\u00f6hnlichen Freundschaft mit Chuck geh\u00f6rt, entdeckt er zun\u00e4chst Ablenkung, dann auch L\u00e4uterung von Entfremdung und Bedeutungslosigkeit.<\/p>\n<p>Mit leichter Hand und zuweilen poetischer Sprache zeichnet Joseph O\u2019Neill ein feinf\u00fchliges Bild dieser Exilanten. Nie bekommt die Lekt\u00fcre den Geschmack des Voraussehbaren, obwohl man vom eigentlichen Ende der Geschichte bereits auf den ersten Seiten erf\u00e4hrt. \u00dcber R\u00fcckblenden erliest man sich den Weg zu diesem Ende. Unangestrengt streift O\u2019Neill dabei viele klassische Themen dieser Zeit: Weltb\u00fcrger und deren Entwurzelung, br\u00f6ckelnde (Mittelstands-)Familien, Rassismus, M\u00e4nnerfreundschaften, vaterlose Kinder&#8230;<br \/>\nUnd auch die Schilderungen des <em>(aus der deutschen Cricket-Ferne gesehen:)<\/em> merkw\u00fcrdigen Sports sind durchaus unterhaltsam und bieten nebenbei eine spannende F\u00fclle an Interpretationsstoff &#8211; denn ist nicht ein Sport immer mehr als ein Sport?<\/p>\n<p>Beim Cricket schwingt eine ordentliche Portion Nostalgie mit. Und der Grundsatz von Fair Play. Das Spiel und seine Regeln bieten Ordnung und Moral in Zeiten, in denen beides auf der Strecke zu bleiben droht. Und Cricket ist auch ein kulturgeschichtliches Ph\u00e4nomen, das sich eignet, einfache Kategorien <em>(gut\/b\u00f6se, arm\/reich, schwarz\/wei\u00df)<\/em> auch mal einzuschmelzen. Denn wenn Hans feststellt, der einzige Wei\u00dfe in der New Yorker Gemeinschaft von Cricket-Spielern und mitten unter ihnen eine Art \u201cFarbiger ehrenhalber\u201c zu werden, dann ist das ein wunderbarer Indikator des viel beschworenen \u201cmelting pots\u201c. Zugleich schwebt aber ein ma\u00dfgeblicher Unterschied zu den anderen \u00fcber dem Team: er als Holl\u00e4nder ist durch seine Vorfahren per Geschichte mit den Kolonialisten<em> (und auch mit den Gr\u00fcndern der Stadt)<\/em> verbunden, w\u00e4hrend seine (meist) westindischen Sportkameraden auf der anderen, der <em>(noch immer nicht komplett \u00fcberwundenen) <\/em>\u201cVerliererseite\u201c stehen<em> (Hans ist hochbezahlter Banker, w\u00e4hrend Umar, der ihn zum Staten Island Cricket Club bringt, als Taxi-Fahrer arbeitet)<\/em>, auf Seiten derer, deren Vorfahren das Spiel von fremden Eroberern aufgezwungen wurde <em>(um ihnen \u201cOrdnung und Zivilisation\u201c beizubringen; sp\u00e4ter wurde das Spiel allerdings wiederum auch als Weg zur Emanzipation von den britischen Imperialisten betrieben)<\/em>. Auf dem Boden einer weiteren ehemaligen britischen Kolonie kommen die beiden Seiten nun also nur scheinbar frei von ihren \u201ehistorischen Rucks\u00e4cken\u201c wieder zusammen. Aber es eint sie ein Gedanke: Wenn die Amerikaner nicht einmal die Regeln dieses Spiels verstehen, wie k\u00f6nnen sie dann die Komplexit\u00e4t der (nicht-amerikanischen) Welt begreifen? Und im Grunde machen sie sich alle das Spiel einer (urspr\u00fcnglich) fremden Kultur zu eigen, indem sie das  ur-britische Cricket auf zu kleinen und schlecht pr\u00e4parierten New Yorker Rasenfl\u00e4chen spielen.<\/p>\n<p>Die Darstellung dieses bunten New Yorks ger\u00e4t schnell zur Liebeserkl\u00e4rung an die Welthauptstadt. Allen Widrigkeiten zum Trotz bleibt es die Stadt, die verhei\u00dft, dass hier Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft Freunde werden k\u00f6nnen, die Stadt, in der Exilanten die Erf\u00fcllung gro\u00dfer Tr\u00e4ume angehen, ohne sich von einem m\u00f6glichen Scheitern beeindrucken zu lassen. Und in der jede\/r den reinigenden Weg zur\u00fcck zu sich selbst finden kann.<br \/>\nUnd vielleicht gibt der Roman <em>(f\u00fcr den der Autor, nebenbei bemerkt, gerade erst den PEN\/Faulkner-Award bekommen hat)<\/em> an einem Punkt des bedrohlichen Taumelns der amerikanischen Wirtschaft neue Hoffnung. Zuversicht f\u00fcr einen frischen Neustart mit Hilfe der Besinnung auf Werte jenseits des Geldes. Und daran mag man auch in Deutschland gern glauben.<\/p>\n<p><strong>dazu h\u00f6ren:<\/strong> Rufus Wainwright <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=f4rQ03pl2Og\" target=\"_blank\">singt<\/a> &#8222;chelsea hotel&#8220;<\/p>\n<p><object width=\"425\" height=\"344\" data=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/f4rQ03pl2Og&amp;hl=en&amp;fs=1&amp;color1=0x234900&amp;color2=0x4e9e00\" type=\"application\/x-shockwave-flash\"><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\" \/><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\" \/><param name=\"src\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/f4rQ03pl2Og&amp;hl=en&amp;fs=1&amp;color1=0x234900&amp;color2=0x4e9e00\" \/><param name=\"allowfullscreen\" value=\"true\" \/><\/object><\/p>\n<p><strong>dazu ansehen<\/strong>: kurze Einf\u00fchrung zu <a href=\"http:\/\/www.britannien.de\/Sport\/Cricket.htm\" target=\"_blank\">CRICKET<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu den &#8211; (je nach Perspektive) zahlreichen oder sp\u00e4rlichen &#8211; Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und amerikanischen Gegenwartskultur z\u00e4hlt wohl das komplette Scheitern aller Versuche, Cricket irgendwo nahe der Gesellschaftsmitte zu etablieren. Zwar gibt es auch hier schon seit \u00fcber 130 &hellip; <a href=\"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=166\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1,7],"tags":[45,59,61],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/166"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=166"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/166\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=166"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=166"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=166"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}