{"id":28,"date":"2007-12-21T16:17:48","date_gmt":"2007-12-21T14:17:48","guid":{"rendered":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/schmokereien\/alles-nur-deko\/"},"modified":"2007-12-21T16:17:48","modified_gmt":"2007-12-21T14:17:48","slug":"alles-nur-deko","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=28","title":{"rendered":"Alles nur Deko"},"content":{"rendered":"<p><a href='http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2007\/12\/buchregal1.gif' title='buchregal1.gif'><img src='http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2007\/12\/buchregal1.gif' alt='buchregal1.gif' \/><\/a><\/p>\n<p><strong>\u00dcber den Sinn und Unsinn des B\u00fccherhortens<\/strong><!--more--><\/p>\n<p>Stellen Sie sich ein kleines ostdeutsches St\u00e4dtchen vier Jahre vor der Wende vor. Die Protagonistin ist eine 15-j\u00e4hrige Gymnasiastin, die jeden Nachmittag nach der Schule heraus aus der Stadt in ihr kleines Dorf fuhr. Auf dem Weg von der Alma Mater zum Bus kam sie an sage und schreibe 2 Buchl\u00e4den vorbei. Wer die Ossenreyer Stra\u00dfe kennt, wei\u00df, um welches St\u00e4dtchen und auch, um welche Buchl\u00e4den es sich handelte. In beiden Buchl\u00e4den war sie Stammgast, wusste, an welchen Tagen die Lieferungen eintrafen und kannte jede Buchh\u00e4ndlerin mindestens vom Sehen. Ihr t\u00e4gliches Erscheinen sicherte ihr einige Perlen der Welt- sowie der ostdeutschen Literatur. Doch, auch davon gab es welche: Gedichtb\u00e4nde von Eva Strittmatter, Romane von Jakob Hein, Brecht, Heiner M\u00fcller, die sch\u00f6nen Insel-B\u00e4nde, die Poesie-Hefte &#8230; Meist warteten die Sch\u00e4tze eingeschlagen unter dem Ladentisch und wurden bei ihrem Erscheinen mit kurzem Blickaustausch an die Kasse gebracht. Oft konnte sie noch nicht einmal hineinschauen, um was es sich handelte, kaufte sozusagen auf Verdacht oder verlie\u00df sich auf den erlesenen, will sagen, staatsfeindlichen Geschmack der Verk\u00e4uferinnen. Sie kramte also ihr sp\u00e4rliches Gymnastinnen-Monatsgehalt* heraus und zahlte die sehr preiswerte Lekt\u00fcre.<\/p>\n<p>Noch im Bus packte sie die B\u00fccherpakete aus, fing hier und da an zu lesen, freute sich auf das eine und sah das andere schon in den Tiefen ihres B\u00fccherregals verschwinden. Das wies mittlerweile eine betr\u00e4chtliche F\u00fclle auf. Im Nachhinein sch\u00e4tzt die Buchsammlerin sie auf 6&#215;2 Buchmeter. Schon damals stand sie manchmal vor ihrem geistigen Raumteiler und fragte sich, ob sie das alles jemals lesen werde? Dann dachte sie immer an ihre Mutter, ein Buchclub-65-Mitglied**, von der sie das B\u00fccherhorten gelernt hatte. Die sagte immer, wenn man sie auf ihre vielen Buchmeter ansprach: \u201eDas lese ich alles, wenn ich Rentnerin bin.\u201c Heute, 22 Jahre sp\u00e4ter, wei\u00df das junge M\u00e4dchen von damals, dass alles so kam und doch ganz anders: die B\u00fccher reichten nicht! Zum Gl\u00fcck, auch deswegen (!), kam die Wende! 80 000 Neuerscheinungen in einem Jahr und alle konnte man lesen \u2026<\/p>\n<p>Die Tochter machte sich, kaum dass sie vollj\u00e4hrig war, auf den Weg in die neue Vor-Wende-Welt. Zur\u00fcck blieb alles, quasi ein ganzes 18-j\u00e4hriges Leben: Familie, Freunde, die ersten Liebesbriefe, Fotos, B\u00fccher. Zu Anfang fehlte es ihr.<\/p>\n<p>Wenige Jahre sp\u00e4ter hatte sie einen sehr belesenen Freund. Als sie ihn das erste Mal besuchte, erwartete sie englisches Mobiliar vor einer nach guten kubanischen Zigarren riechenden Bibliothek. Das braune Leder gab es, aber es gab kein einziges Buch, au\u00dfer einer Formelsammlung der Mathematik. Der Grund? Er hasse es, dass Menschen, die ihn besuchen, als Erstes an sein Buchregal treten. Alles Kokolores! Ein Lekt\u00fcrebestand w\u00fcrde \u00fcberhaupt nichts \u00fcber das Ich des Besitzers sagen. (Sie musste an ihre kleine Sammlung von damals denken und wie sie zu ihr kam und gab ihm Recht.) Wenn er sich B\u00fccher kaufe, dann lese er sie und verschenke sie sofort weiter. Es g\u00e4be ohnehin nur drei, vier B\u00fccher im Leben eines Menschen, die er mehrere Male lesen oder in die er immer wieder hineinschauen w\u00fcrde. Der Rest sei Angeberei und blo\u00dfe Dekoration.<\/p>\n<p>Vor zwei Wochen kaufte sie schlie\u00dflich zwei neue Regale. Die B\u00fccher ihres jetzigen Mannes mussten zu ihren ziehen. Viele davon steckten noch in der Folie. Einige gab es nun doppelt. \u00dcber zwei Jahre schliefen sie in Pappkartons und niemand vermisste sie. Ihr kam der Alte in den Sinn, vor einem Buchstand des modernen Antiquariats. Der sprach sie an, vor vielen Jahren, als sie mit einer besonders preiswerten Ausgabe von Nietzsches \u201eZarathustra&#8220; lieb\u00e4ugelte. \u201eKaufen Sie keine B\u00fccher, die sie nicht lesen!\u201c Und sie sah ihren Mann vor sich, den sie nun kannte wie keine andere und seine B\u00fccher und was die f\u00fcr ein Bild abgaben und was sie erz\u00e4hlten und unter Umst\u00e4nden ganz Falsches.<\/p>\n<p>Gestern kam ein Freund der Beiden vorbei. Das erste Mal in die gemeinsame Wohnung. \u201eMann, habt ihr aber viele B\u00fccher!\u201c \u201eJa, ja\u201c, gab sie schmunzelnd zur\u00fcck. \u201eDas hat aber nichts zu bedeuten. Ist alles nur Dekoration.\u201c<\/p>\n<p>* Die Abiturienten bekamen in der DDR ca. 150 Mark im Monat. Die Unterst\u00fctzung zahlte der Staat. Der offizielle Grund: den angehenden Akademikern sollte damit erm\u00f6glicht werden, sich das n\u00f6tige Lernmaterial und B\u00fccher f\u00fcr die allgemeine Erbauung zu kaufen. Heute, 2006 in der Bundesrepublik Deutschland, zahlt ein Gymnasiast Geld an die Schule, damit sie ihn mit Leihb\u00fcchern versorgt.<\/p>\n<p>** Das ist das ostdeutsche Pendant zum hiesigen Bertelmann-Versandclub gewesen, allerdings mit einer etwas erleseneren Buchauswahl.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber den Sinn und Unsinn des B\u00fccherhortens<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[75],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=28"}],"version-history":[{"count":0,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/28\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=28"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=28"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=28"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}