{"id":352,"date":"2016-05-25T15:41:53","date_gmt":"2016-05-25T13:41:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=352"},"modified":"2016-05-25T15:41:53","modified_gmt":"2016-05-25T13:41:53","slug":"roberto-bolano-2666","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=352","title":{"rendered":"Sensationell! Roberto Bola\u00f1os 2666"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/Bildschirmfoto-2017-03-24-um-19.59.07.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-422 alignleft\" src=\"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2010\/05\/Bildschirmfoto-2017-03-24-um-19.59.07-197x300.png\" alt=\"\" width=\"197\" height=\"300\" \/><\/a>Eigentlich habe ich Bola\u00f1o nur in die Finger bekommen, weil ich vor einigen Monaten einen Artikel der SZ \u00fcber den, wenn auch \u00e4u\u00dferst \u00fcbersichtlichen verlegerischen Mut in Deutschland gelesen habe. Der eine betraf David Foster Wallaces &#8222;Unendlicher Spass&#8220; und der andere Roberto Bola\u00f1os &#8222;2666&#8220;.<\/p>\n<p>Dass mir Bola\u00f1o zuerst zufiel, war reiner Zufall. Dass es mich interessierte, dagegen nicht. Ein Werk von mehr als 1000 Seiten von einem chilenischen Autor, der mittlerweile verstorben (an Hepatitis!), Marquez und \u00fcberhaupt alle chilenischen Blumen der Literatur nicht mochte (ich dagegen sehr) und dessen \u00abinfrarealistische Manifest\u00bb seine Anh\u00e4nger weniger dazu verpflichtet, \u00e4sthetischen Prinzipien zu folgen, als zu reisen und sich kompromisslos der \u00abInfrarealit\u00e4t\u00bb zu stellen: Alkoholexzesse in Unterweltsspelunken, sexuelle Eskapaden auf d\u00fcnner Matratze, klamme Tagesanbr\u00fcche ohne Aussicht auf ein anst\u00e4ndiges Fr\u00fchst\u00fcck. Und die Bereitschaft, notfalls f\u00fcr die Dichtung zu sterben.&#8220; <a href=\"http:\/\/dasmagazin.ch\/index.php\/der-planet-bolano\/\">Sandro Benini in <em>Das Magazin<\/em><\/a><\/p>\n<p>Die erste Frage, die mich schon w\u00e4hrend der Rezeption besch\u00e4ftigte, war:<strong><br \/>\nWer schreibt solche B\u00fccher? <\/strong>Die Antwort kann vielleicht so ausfallen: Bola\u00f1o wird 1953 in Chile geboren. Seine Mutter arbeitet als Lehrerin, sein Vater verdingt sich als Spediteur und Boxer. Als Bola\u00f1o 14 Jahre alt war, reist die Familie nach Mexiko aus. Dort gilt Bola\u00f1o als verschroben, weil er jede freie Minute lesend in der \u00f6ffentlichen Bibliothek verbringt.<br \/>\nEwas \u00fcber 20 geht Bola\u00f1o zur\u00fcck nach Chile, reist kreuz und quer durch Lateinamerika und legt sich das zu, was man praktische Reife nennen k\u00f6nnte. Als Freigeist entgeht er nur knapp den Henkern von Pinochet, der sich mittlerweile an die Macht geputscht hat.<br \/>\nBola\u00f1o kehrt zur\u00fcck nach Mexiko. Dort gr\u00fcndet er die &#8222;Infrarealisten&#8220; und formuliert das oben schon erw\u00e4hnte &#8222;Infrarealistische Manifest\u00bb. Das ist die eine Seite.<br \/>\nDie andere Seite ist die eines Menschen, der sein Handwerk wie kein anderer beherrscht, dessen Erfahrungsschatz, sowohl den literarischen als auch den, den man langl\u00e4ufig Erfahrungen nennt, also Lebenserfahrungen, sein gr\u00f6\u00dfter Fundus ist. Der intelligent, wissend, protokollierend, niemals langweilend, manchmal schaudernd uns das schenkt, was wir am meisten ersehnen: gute Literatur!<\/p>\n<p>Auch wenn der n\u00e4chste Urlaub noch nicht in Sicht ist, es sei allen ans Herz gelegt, dieses Buch zu lesen. Es ist Geheimwissen und in diesem Sinne eine Offenbarung.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Worum geht&#8217;s?<\/strong><br \/>\n&#8222;Im ersten Teil verfallen vier Literaten \u2013 ein Franzose, ein Spanier, ein Italiener und eine Engl\u00e4nderin \u2013 dem Werk und der Person des Schriftstellers Benno von Archimboldi. Sie lernen sich auf Literaturkongressen kennen und haben keinen Zweifel: Der vom Publikum weitgehend ignorierte achtzigj\u00e4hrige Deutsche ist der bedeutendste lebende Autor \u00fcberhaupt. Aber wo h\u00e4lt sich Archimboldi auf, wer verbirgt sich hinter dem Pseudonym? Eine Reise zur Witwe seines Hamburger Verlegers endet ergebnislos, und auch als der Schriftsteller allm\u00e4hlich bekannt und sogar als Kandidat f\u00fcr den Nobelpreis gehandelt wird, bleibt das R\u00e4tsel seiner Identit\u00e4t undurchdringlich. Der erste Teil des Romans ist nicht nur eine hinreissende Parodie auf den akademischen Literaturbetrieb, sondern zeigt auch eine von Bola\u00f1os grossen St\u00e4rken: die Schilderung tragisch-komischer Liebesbeziehungen und handfester sexueller Abenteuer. Irgendwann erfahren die selbst ernannten Archimboldi-Detektive, dass man den Gesuchten angeblich in der nordmexikanischen Grenzmetropole Santa Teresa gesichtet hat. Hinter dem fiktiven Namen verbirgt sich das reale Ciudad Ju\u00e1rez, die Stadt mit den vielen Frauenmorden. Drei der vier Literaten reisen nach Mexiko, wo ihre Energie inmitten flimmernder W\u00fcstenhitze allm\u00e4hlich verdunstet. Und Archimboldi bleibt unauffindbar \u2013 ein Autor auf der Flucht vor der eigenen Bedeutung, ein K\u00fcnstler, der sich der Sucht nach Personalisierung und massenmedialer Ausschlachtung entzieht, indem er im Nirgendwo verschwindet.<br \/>\nDas zweite Kapitel dreht sich um den in Santa Teresa lebenden chilenischen Literaturprofessor Amalfitano, das dritte um den schwarzen US-Journalisten Fate. Dieser ist f\u00fcr eine in New York erscheinende Zeitschrift nach Santa Teresa gereist, um von einem Boxkampf zu berichten. Die Lebensgeschichte Amalfitanos widerspiegelt die Entt\u00e4uschungen der linken lateinamerikanischen Intelligenzija, deren politische Ideale unter dem Ansturm von Diktaturen, Gewaltexzessen und Korruptionsskandalen in sich zusammengebrochen sind. Jene von Fate demontiert den Mythos journalistischer Aufkl\u00e4rung \u2013 denn als der Sportreporter \u00fcber die Frauenmorde berichten will, pfeift ihn sein spesenbewusster Chefredaktor nach New York zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Die reale Mordserie<\/strong><br \/>\nAm 23. Januar 1993 wird im realen Ciudad Ju\u00e1rez auf einem unbebauten Grundst\u00fcck die Leiche von Alma Chavira Farel gefunden. Die Dreizehnj\u00e4hrige ist vergewaltigt, gefoltert und erw\u00fcrgt worden. Dies ist der Auftakt zu einer der unheimlichsten Mordserien in der j\u00fcngeren Kriminalgeschichte. W\u00e4hrend der folgenden Jahre findet man Hunderte misshandelter und ermordeter Frauen, fast alle aus der Unterschicht \u2013 Sch\u00fclerinnen, Studentinnen oder Arbeiterinnen. 1995 verhaftet die Polizei den \u00c4gypter Abdul Latif Sharif als angeblichen Serienm\u00f6rder, doch die Morde gehen weiter. Stecken Nachahmungst\u00e4ter dahinter? Oder gelangweilte Oberschichtsz\u00f6glinge, die ein adrenalinreiches Hobby betreiben? Es kommt zu weiteren Verhaftungen, ohne dass die Blutorgie abrisse. \u00dcber die Frauenmorde in Ciudad Ju\u00e1rez sind mittlerweile mehrere Romane, Sachb\u00fccher und Filme entstanden, doch nichts davon ist an Eindringlichkeit vergleichbar mit \u00ab2666\u00bb.<br \/>\nDer f\u00fcnfte Teil des Buches schildert schliesslich die Lebensgeschichte des Benno von Archimboldi, der in Wirklichkeit Hans Reiter heisst. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs k\u00e4mpft er als Soldat an der Ostfront, danach lebt er mit seiner kr\u00e4nkelnden Verlobten Ingeborg im zerst\u00f6rten Nachkriegsdeutschland, beginnt zu schreiben, etabliert sich dank der Begeisterung seines Verlegers Bubis als m\u00e4ssig erfolgreicher Erz\u00e4hler. Bola\u00f1os Beschreibungen der historischen Realit\u00e4t sind ebenso \u00fcberragend wie die psychologischen Zeichnungen seiner Helden. Nachdem Ingeborg an einer Lungenkrankheit gestorben ist, l\u00e4sst Archimboldi die Spuren seiner Existenz im Nichts verschwinden. Doch weil ein in Santa Teresa des Massenmordes angeklagter Deutsche sein Neffe ist, reist er am Ende des Romans nach Mexiko \u2013 in der vergeblichen Hoffnung, dem Verwandten irgendwie zu helfen.&#8220; <a href=\"http:\/\/dasmagazin.ch\/index.php\/der-planet-bolano\/\">Sandro Benini in <em>Das Magazin<\/em><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich habe ich Bola\u00f1o nur in die Finger bekommen, weil ich vor einigen Monaten einen Artikel der SZ \u00fcber den, wenn auch \u00e4u\u00dferst \u00fcbersichtlichen verlegerischen Mut in Deutschland gelesen habe. 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