{"id":494,"date":"2018-10-18T14:58:28","date_gmt":"2018-10-18T12:58:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=494"},"modified":"2018-10-19T18:36:55","modified_gmt":"2018-10-19T16:36:55","slug":"juli-zeh-neujahr","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=494","title":{"rendered":"Juli Zeh: &#8222;Neujahr&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-large wp-image-495\" src=\"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_6151-e1539867221215-768x1024.jpg\" alt=\"\" width=\"584\" height=\"779\" srcset=\"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_6151-e1539867221215-768x1024.jpg 768w, http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_6151-e1539867221215-225x300.jpg 225w, http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/IMG_6151-e1539867221215.jpg 1512w\" sizes=\"(max-width: 584px) 100vw, 584px\" \/>Eigentlich wollte Juli Zeh ihren neuen Roman \u201eHorror\u201c nennen. Der Verlag sprach sich dagegen aus, zum Gl\u00fcck, wie ich finde, denn das h\u00e4tte in die falsche Richtung gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>Worum geht\u2019s? Um nicht mehr und nicht weniger als den ganz normalen Wahnsinn: Henning und Theresa bem\u00fchen sich, eine Beziehung auf Augenh\u00f6he zu f\u00fchren und sich zu gleichen Anteilen in die Familie (+ zwei Kinder) einzubringen. Doch das Familienkonto wird ungleich belastet: Theresa ist die Hauptverdienerin und schafft das Geld ran. Henning arbeitet auch, aber \u201enur\u201c 30 Stunden, daneben k\u00fcmmert er sich haupts\u00e4chlich um die Kinder, den Einkauf, Haushalt, all das, was er glaubt, leisten zu m\u00fcssen, damit das Konto wieder ausgeglichen wird.<!--more--><\/p>\n<p>Insofern alles nachvollziehbar, nur dass Juli Zeh hier einmal die tradierten Geschlechterrollen tauscht und gleichzeitig aus dem autobiografischen N\u00e4hk\u00e4stchen plaudert, denn, das stellte sie auf einer Buchvorstellung in Hamburg fest, bei ihr ist es genauso. Sie verdient und ihr Mann f\u00fchlt sich irgendwie komisch, weil er nun nicht mehr der Versorger der Familie ist. Ein &#8222;Aus-der-Rolle fallen&#8220;, das ihm zu schaffen macht.<\/p>\n<p>Henning, und auch das kennt jede Mutter, die durch Job, Kinder und Haushalt dreifach belastet ist, kommt mit diesem Leben ziemlich schnell an seine Grenzen. Seit der Geburt seiner Tochter leidet er an Angstzust\u00e4nden und wird regelm\u00e4\u00dfig von Panikattacken heimgesucht. Eine Reise nach Lanzarote \u00fcber Silvester soll f\u00fcr etwas Erholung sorgen.<\/p>\n<p>Das ist der erste Teil des Buches. Der zweite Teil erz\u00e4hlt die Geschichte von Henning und seiner Schwester Luna, beide zwei- und f\u00fcnfj\u00e4hrig, in einer R\u00fcckblende. Die Familie f\u00e4hrt nach Lanzarote. Alles ist heile (Familien-)Welt. Bis die Mutter ein Techtelmechtel mit dem G\u00e4rtner des Hauses beginnt und von Henning \u2013 noch viel zu jung, um zu begreifen, was dort passiert \u2013, in flagranti erwischt wird. Im Glauben, der Mutter w\u00fcrde weh getan, eilt er zum Vater und verr\u00e4t den au\u00dferehelichen Beischlaf.<\/p>\n<p>Was folgt, sind Tage des Horrors. Der Vater reist ab, die Mutter f\u00e4hrt ihm hinterher &#8230; auf dem Weg zum Flughafen kommt das Auto von der Stra\u00dfe ab. Die Mutter wird verletzt, f\u00e4llt ins Koma und kommt in ein Krankenhaus.<\/p>\n<p>F\u00fcr Henning und seine Schwester hei\u00dft es von da an, alleine klar kommen. Eine Wand mit tausenden von Spinnen, ein tiefes schwarzes Loch in der Mitte der Terrasse, wo die Monster wohnen, n\u00e4chtliche Schatten, Lebensmittel, die zu Neige gehen, Luna, die noch nicht alleine auf Toilette gehen kann, \u00fcberall Warten, Dreck, Tr\u00e4nen, Durst, Hunger, Angst, Heimweh, Schmerz &#8230; (Juli Zeh meinte, sie h\u00e4tte beim Schreiben Rotz und Wasser geheult.)<\/p>\n<p>So viel zu der erz\u00e4hlten Geschichte. Die eigentlich Geschichte, und dar\u00fcber kl\u00e4rt die Autorin bei der Buchvorstellung auf, ist die:<\/p>\n<p>Wir haben viel erreicht, seit der sogenannten emanzipatorischen Revolution. Die Frauen haben die Pille und die M\u00e4nner haben sie auch. Doch jetzt ist alles irgendwie zum Stillstand gekommen, ohne wirklich gel\u00f6st worden bzw. echtes Miteinander zu sein. Die Geschlechter sehen sich nur allzu oft als Konkurrenten, wer darf Karriere machen, wer muss zu Hause bleiben, wer k\u00fcmmert sich um die Kinder, wessen Geld reicht f\u00fcr alle? Wer muss dazu verdienen, wer kann sich mit wie viel Zeit in die Familie einbringen? Und vor allem: wer kann noch er selbst bleiben? Wer f\u00fchlt sich nicht \u00fcberfordert von so einem Leben? Ist das \u00fcberhaupt noch Leben? Machen Kinder wirklich gl\u00fccklich? Wie kann unter diesen Bedingungen \u00fcberhaupt Beziehung, Familie, Leben gelingen?<\/p>\n<p>Juli Zeh w\u00fcrde gerne die Gesellschaft in die Pflicht nehmen, f\u00fcr all diese tats\u00e4chlichen (im Sinne von: das sind Tatsachen, liebe Leute!) Probleme einen angemessenen Rahmen zu schaffen, der (Er-)L\u00f6sung erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>F\u00fcr den einzelnen h\u00e4lt sie selbst erst einmal nur eine Sache f\u00fcr aussichtsreich, und da wird es \u00a0spirituell: Man muss sich von sich eine andere, bessere Geschichte erz\u00e4hlen. Und zwar nicht die tats\u00e4chliche, sondern eine vorgestellte. Dann hat man eine Chance. Alles andere ist Horror!<\/p>\n<p>(Ob ich das jetzt alles beim Lesen des Buches metaphorisiert h\u00e4tte, hmm, schwer zu sagen. Eher nicht. Aber es ist eine sehr interessante Sichtweise, die ich gerne mal ausprobiere.)<\/p>\n<p>Juli Zeh: &#8222;Neujahr&#8220;<br \/>\nLuchterhand Literaturverlag, 2018<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eigentlich wollte Juli Zeh ihren neuen Roman \u201eHorror\u201c nennen. Der Verlag sprach sich dagegen aus, zum Gl\u00fcck, wie ich finde, denn das h\u00e4tte in die falsche Richtung gef\u00fchrt. Worum geht\u2019s? 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