{"id":18,"date":"2007-07-19T11:33:01","date_gmt":"2007-07-19T09:33:01","guid":{"rendered":"http:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/uncategorized\/moritz-von-uslar-waldstein\/"},"modified":"2007-07-19T11:33:01","modified_gmt":"2007-07-19T09:33:01","slug":"moritz-von-uslar-waldstein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.buch-hoerbuch.de\/?p=18","title":{"rendered":"Moritz von Uslar: Waldstein"},"content":{"rendered":"<h2>oder der Tod des Walter Gieseking am 6. Juni 2005<\/h2>\n<p class=\"sansnormal\"><strong>Der in Berlin lebende 36j\u00e4hrige Redakteur des <a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/index.php?id=109&amp;user_szmagdata_pi1%5BshowUid%5D=209Magazins\" target=\"_blank\"> Magazins der S\u00fcddeutschen Zeitung <\/a>(Hundert Fragen an &#8230;) Moritz von Uslar schreibt einen Roman \u00fcber den in Berlin lebenden Journalisten und Mittdrei\u00dfiger Walter Gieseking.<br \/>\nAlso eine Autobiografie? Ja, eine Autobiografie. Oder besser ein biografischer Monolog. \u00dcber sich und das Leben einer ganzen Generation. Der Milchkaffeegeneration. Der Neonleser-Generation. Der Was-geht-Alter?-Generation. Dieses Buch beschreibt das Kreuz, das unsere Generation tr\u00e4gt.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p class=\"sansnormal\">\nGieseking ist mit der Ex-Freundin seines coolen DJ-Freundes Jos\u00e9 zusammen. Sie hei\u00dft Ellen, eine Adelige von Galgern (Galgen?), deren einzige Bestimmung es ist, sch\u00f6n zu sein und sonst nichts zu tun (na ja, ganz so platt ist es auch wieder nicht \u2026).<br \/>\n<span style=\"font-style: italic\"><br \/>\n\u201eSeinen Freunden hatte Gieseking Ellens Beine, als er sie um vier Uhr fr\u00fch in einer Berliner K\u00fcche mit einem Rest Wodka im Glas zum ersten Mal erblickte, als Charakterbeine beschrieben, und tats\u00e4chlich, es waren mehr als wohlgeformte Beine, kluge, kultivierte, gebildete Beine, gewachsen im Schutz einer Jahrhunderte alten gesellschaftlichen Vormachtstellung, einer l\u00e4ssig zur Schau gestellten Kunstbeflissenheit und eines konfus elit\u00e4ren Anspruchs, der da besagt: M\u00e4nner denken mit dem Kopf, Frauen mit den Beinen. Uns ging es immer gut, uns wird es auch in Zukunft besser gehen. Im Folgenden: Gedacht und geschaffen haben unsere Vorfahren genug, wir reichen dieses Gut nur weiter. Aha! Also gut. Alle Achtung.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Um irgend so etwas auszuprobieren wie Kompromisse machen oder auch nicht, Fischst\u00e4bchenessen mit oder ohne Kerzen und aneinander oder doch nur an sich selbst berauschen, verbringen die Beiden die Wochenenden in Waldstein, fernab von dem Moloch Gro\u00dfstadt, in der sch\u00f6nen erbaulichen Natur, dem \u201e<span style=\"font-style: italic\">idealen Abseits<\/span>\u201c. Doch die Waldflucht ger\u00e4t schnell zur Spie\u00dfertour. Und weil Spie\u00dfigkeit gar nicht geht, werden Fragen wie \u201e<span style=\"font-style: italic\">Bist du eigentlich so, wie du dir eine Frau vorstellst?<\/span>\u201c (Gieseking zu Ellen) und \u201e<span style=\"font-style: italic\">Bei meinem Kuss empfindest du aber schon etwas, oder?<\/span>\u201c (Ellen zu Gieseking) vom Zaun gebrochen.<br \/>\n<span style=\"font-style: italic\"><br \/>\n\u201eWas fand hier statt? Weshalb sollte das ausgerechnet der Moment sein? Wo wurden diese Dinge entschieden? K\u00f6nnten Sie, mein Herr, mir bitte verraten, wie die Logik der scheu\u00dflichen Katastrophe hier bitte zu unterbrechen war? Der Teufel, das sah Gieseking nun deutlich, trug einen dunklen Dreiteiler, Lackschuhe und einen Gehstock mit Silberknauf. Hammereleganter Mann.\u201c<\/span><\/p>\n<p>Ellen zieht den Schlussstrich mit einem einzigen Satz: \u201e<span style=\"font-style: italic\">Es macht keinen Spa\u00df mehr<\/span>.\u201c F\u00fcr Gieseking logische Folge eines aus der Kontrolle geratenen affektierten oder echten (Wer wei\u00df das schon?) In-Sich-Gefangenseins-und-nicht-zueinander-Findens. Der Protagonsit steigt in seine Stiefel und \u00fcberwindet kampflos den die Ausfahrt versperrenden (vom Sturm der Nacht entwurzelten) Baum (Was f\u00fcr ein Bild!). Gieseking kehrt zur\u00fcck nach Berlin in sein luxuri\u00f6ses Mitte-Loch, zur Auguststra\u00dfe Ecke Linien, zu den alten Kumpels Jos\u00e9 und Jonathan, zum Grau, den Pf\u00fctzen und diesem ganzen coolen Quatsch.<\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-style: italic\">Noch was, auch wichtig, wieder alles wichtig, Entschuldigung. Bei Apartment gibt es die <\/span><a href=\"http:\/\/www.rafsimons.com\/ss06%2034.html\">Raf-Simons<\/a>&#8211;<span style=\"font-style: italic\">Turnschuhe. Irgendwie mit Krepp. Dreihundert Euro. Also. Ich habe sie. Wollte ich nur durchgeben. Meld dich. Tschau.<\/span>\u201c (Jos\u00e9 zu Gieseking)<\/p>\n<p>Doch die R\u00fcckkehr ist nicht mehr als eine Schleife. Auch in der Hauptstadt gilt: Wirkung, Worte, Leute, Denken, aber was? Irgendwie stimmt es nicht.<\/p>\n<p>\u201e<span style=\"font-style: italic\">Rasch einigten sich Gieseking und Jos\u00e9 darauf, dass es in ihrer beider Leben nur einen Wert, nur eine ewig heile und teure Macht geben sollte, die unangreifbar war, die alles \u00fcberdauern und \u00fcberstrahlen sollte: die Musik (\u2026) \u201aIch komme von der schwarzen Musik.\u2019 Gieseking sagte den trostlosen Satz \u201aBevor ich die h\u00f6re \u2026\u2019, es liefen die Kaiser Chiefs, \u201a\u2026 doch lieber gleich The Clash, das Original.\u2019 O je. Und ersch\u00f6pft stellten sie fest, dass London Calling die beste, g\u00fcltigste, vollkommenste Schallplatte aller Zeiten war. Und als Gieseking Jos\u00e9s verzweifeltes Gesicht sah, das unter dem Zigarettenrauch wippend, ein Ventil f\u00fcr sein Unwohlsein suchte, korrigierte Gieseking sich rasch: \u201aKlar, so kann man es auch nicht sagen. So hat ja alles keinen Sinn.\u2019 Und Jos\u00e9 wollte auch noch etwas sagen, vielleicht einen Gag, sagte aber nur \u201aNein\u2019 und \u201aWei\u00df nicht \u2026\u2019 und \u201aNervt mich gerade\u2019. Und lie\u00df es bleiben. Der Klassiker unter Freunden: der Moment, an dem pl\u00f6tzlich aller Kredit verspielt war, an dem pl\u00f6tzlich nichts mehr ging. Totale Verunsicherung. Wer ist denn der Freak neben mir? Was habe ich denn mit dem zu tun?<\/span>\u201c<\/p>\n<p>Jetzt f\u00e4ngt das Sterben an. Gieseking reist nach M\u00fcnchen, den alten Galgern treffen. Hier erf\u00e4hrt er es. Waldstein, die R\u00fcckkehr steht an.<\/p>\n<p><span style=\"font-style: italic\">\u201eIm gr\u00fcnsten Grunde. Und dann wurde \u2013 Holla, ihr Waldgeister! \u2013 der gro\u00dfe Scheinwerfer eingeschaltet. Alles wirkte gr\u00fcner, grasiger, dichter, dschungelartiger denn je zuvor. Es war Sonntag, der 5. Juni, als die g\u00fctige F\u00fcnf-Uhr-nachmittags-Sonne<\/span><span style=\"font-style: italic\"> schien. (\u2026) Nun also Kinderkriegen. Das Aus. Over. Elend Kleinfamilie. Ewiger Ehe-Krieg. Ehe-Grimm. Ehe. Und Gieseking sp\u00fcrte zum letzten Mal den Skandal, dass man mit nur einer Person \u2013 zu zweit \u2013 gl\u00fccklich werden sollte. Dann sp\u00fcrte er den nicht mehr.\u201c <\/span><\/p>\n<p>Nein, man kann nicht sagen, dass dieses Buch keine Handlung h\u00e4tte. Es gibt schon so etwas wie einen Plot. Viel wichtiger aber scheint der Stil. Staccato, alles wird rausgebr\u00fcllt. Cool, uncool. Geht das, geht das nicht, Alter. Gedanken, so, wie man sie denkt. Und dann wieder Gedanken \u00fcber die Gedanken, wie man sie dachte. Nichts bleibt unausgesprochen. Eine h\u00fcrdenfreie Fahrt ins Selbst. Was am Ende bleibt? Komisch: die Erinnerung an ein paar Dinge, oft gedacht: ja, genauso ist es \u2026 und die alles \u00fcberragende Frage: Ist das Kinderkriegen tats\u00e4chlich der einzige Gegenentwurf zur Beliebigkeit, Leichtigkeit, Oberfl\u00e4chigkeit, den unendlich vielen M\u00f6glickeiten? Und: Kann man nicht auch irgendwie anders erwachsen werden?<\/p>\n<p>(Diese Rezension wurde ebenfalls auf dem Buchblog von <a href=\"http:\/\/www.germanblogs.de\">germanblogs<\/a> ver\u00f6ffentlicht.)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>oder der Tod des Walter Gieseking am 6. 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