Judith Zander: Dinge, die wir heute sagten

Meine Liebe!
Ich weiß, du kommst zurzeit sicherlich nicht zum Lesen, ABER: wenn doch, dann hol dir doch mal: Dinge, die wir heute sagten von Judith Zander. Meine Güte, die ist gerade mal 30 Jahre alt und schreibt schon wie Uwe Johnson. Hut ab! Jedenfalls empfehle ich dir das deshalb, weil dieses Buch ein hohes Identifikationspotential hat, zumindest, wenn man vom Dorf kommt, so wie ich, aber Stralsund ist ja auch fast Dorf, ne, nich … Lange Rede, kurzer Sinn: schön mit Platt und dieser ganzen vorpommerschen Beklopptheit, mit der bäurischen Stumpfheit, die aber unter der Decke so verschlagen ist … Man denkt, man lebt noch einmal. Ehrlich.

Liebe Grüße von mir
PS: Sie steht mit diesem Roman übrigens auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2010 und ist damit unter den letzten 6! Finalisten.

Helene Hegemann: Axolotl Roadkiller oder Ich bin viele

Axolotl Roadkiller CoverAntonia sagt, das geht ihr auf den Keks, dieser ganze Hegemann-Hype. Diese jahrelangen Threads auf Facebook, diese Neider, die bereuen, dieses Buch nicht selbst geschrieben zu haben, dieser ganze Berlin-Sumpf, in dem keiner keinem etwas gönnt. Deshalb machen wir das hier mal anders, wir kommen ja auch nicht aus Berlin, und hier in Hamburg gönnen wir der Hegemann das ganze Programm. Wir danken ihr für das Lesevergnügen und finden es überhaupt nicht schlimm, dass sie sich bedient hat, bei anderen, und wir verstehen auch nicht, warum sie das so anders machen sollte, denn irgendwie sind wir es gewöhnt, dass alle immer von anderen abschreiben.

Ich erinnere mich an dieser Stelle an meinen alten Filmprof Hickethier, der einmal sagte, dass er das Zappen durch die verschiedenen Programme der deutschen Fernsehlandschaft liebe, weil sich durch diese filmischen Versatzstücke eine eigene Erzählung ergäbe. Nicht anders verhält es sich mit Axolotl Roadkiller. Nur dass die Versatzstücke keine filmischen sind, sondern literarische (zugegeben, darüber streitet sich das Feuilleton noch) Bloggerschnipsel. Und Hegemanns Verdienst ist es, diese gefunden, mit eigenen gemischt und zusammengefügt zu haben. Das Verdienst der Auswahl und der Verbindung! Und das hat sie mit Bravour gemeistert. Finden wir hier jedenfalls, in Hamburg …

Eine zweite Sache fällt mir dazu ein: Es hat auch mit Filmwissenschaft zu tun. Ich fühle mich plötzlich zurückversetzt in den kleinen miefigen Vorführraum des Medieninstituts am Grindelberg. Es gab Seminare wie „Der postmoderne Film“ oder das Frauenbild in David Lynchs „Wild at heart“ (haha). Da saßen dann die angehenden Filmwissenschaftler und haben nach Filmzitaten (so nannte man das) gesucht, was nichts anderes bedeutete als die Frage: Wo zitiert der Film andere Filme. Von Plagiat oder Missachtung des Copyrights war da nie die Rede. Nein, DAS WAR KUNST!

Und deshalb finden wir hier in Hamburg, es ist jetzt genug. Fangt endlich an, über das Buch zu reden, das wir hier brilliant finden und das wir jedem ans Herz legen möchten.

Worum es in Axolotl (ein mexikanischer Schwanzlurch) Roadkill (angefahrenes Tier) geht?
Miefti, Schulverweigerin und Halbweise sagt es selbst: „Ich bin sechszehn Jahre alt und momentan zu nichts anderem mehr in der Lage, als mich trotz kolossaler Erschöpfung in Zusammenhängen etablieren zu wollen, die nichts mit der Gesellschaft zu tun haben, in der ich zur Schule gehe und depressiv bin. Ich bin in Berlin. Es geht um meine Wahnvorstellungen.“

Ein Wort noch: Lesen!

„Handwerk hat doppelten Boden“ -Daniel Kehlmann: RUHM

ruhm1Es gilt als ziemlich sicher, dass Autoren nach einem Erfolgsbuch nur zwei Arten von Nachfolgewerken schreiben können: eins, das im Prinzip das gleiche Buch ist wie der hochgelobte Vorgänger oder eins, mit dem der/die Autor/in scheitert, weil es die Leserschaft nicht wie gewünscht erreicht (sei es, weil es einfach schlecht ist – sei es, weil es einfach zu gut ist). Im schlimmsten Fall hat sie/er ihr/sein Innerstes nach Außen gekehrt und viel von sich preisgegeben, um nun Opfer von allerlei Häme zu werden.

So sehr sich Autoren wünschen mögen, einmal das eine, das Super-Buch zu schreiben (und dieses auch als solches gelesen, besprochen und verkauft zu erleben), so sehr wird es auch zum Fluch, nach all den Interviews, Lesereisen, Huldigungen und Preisverleihungen an den Schreibtisch zurückzukehren. Der Verlag drängelt, die Journalisten fragen, die Leser bitten – was tun schreiben? Wo es doch komplett aussichtslos ist, ein weiteres derart erfolgreiches Buch schreiben zu können?

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Feuchtgebiete von Charlotte Roche

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Charlotte Roche: Feuchtgebiete Hörbuch
Charlotte Roche: Feuchtgebiete Buch

Ein Aufschrei geht durch Deutschland! Eine 30jährige Frau, Mutter und Moderatorin, schreibt, so wie sie hofft, einen Porno. Sein Name: Feuchtgebiete. Die Presse überschlägt sich, darüber zu berichten. Die Meisten ekeln sich, manche bewundern den Mut der Debütantin, fast jeder fragt sich: wie viel davon hat mit der Autorin selbst zu tun. Die Antwort folgt auf dem Fuße: 70 Prozent. Natürlich wird nicht verraten, welche 70 Prozent.

Gut, weiter im Text. „Porno“ klingt nicht schlecht, „Charlotte Roche“ auch nicht, „Pamphlet gegen den Hygienewahn“ hört sich ebenfalls gut an. Also gut: 14,90 Euro investiert und los gelesen. Ab Seite 30 wird schnell klar, mit einem Porno hat das Ganze nur sehr wenig zu tun. Die Parallelen sind überschaubar: seichte Figuren, keine Handlung. Wer hofft, dieses Buch macht heiß, ist auf dem falschen Dampfer. Und nur, weil ständig von Muschi, Sperma, Analsex und so weiter die Rede ist, macht es den Monolog nicht besser. Ganz im Gegenteil. Die Provokation misslingt. Oder verstehe ich da etwas falsch? Ja, man schmeißt es in die Ecke, aber nicht, weil es einen wütend macht, sondern weil man es noch nicht einmal für würdig hält, es als Einschlafhilfe mit ins Bett zu nehmen. So ist das. Und: Frau Roche, ich mag Sie trotzdem!

Tannöd von Andrea Maria Schenkel

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Na, es wurde ja auch mal Zeit. Seit Monaten nun steht Kehlmanns: Vermessung der Welt auf Platz Eins der Spiegel-Bestseller-Liste. Man fragte sich bereits: Wird es jemals einen Autor geben, der den Liebling der Lesenation auf die hinteren Plätze verweist? Ja, es gibt jemanden. Die Debütantin Andrea Maria Schenkel pustet mit dem Hinterweltlerdrama Tannöd die Vermessung einfach weg und räumt außerdem noch schnell den Deutschen Krimipreis 2007 ab. Zwar zogen indes düstere Wolken am oberbayrischen Nachkriegshimmel auf, doch den Leser stört’s nicht: er kauft und liest und kauft und liest … Weiterlesen