Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel

Der Skandalautor hat sich vor allem mit seinen 2001 und 2003 erschienenen Romanen „Elementarteilchen“ und „Plattform“ in Deutschland einen Namen gemacht. Seit 2005 gibt es den vorerst letzten Roman von Houellebecq: Die Möglichkeit einer Insel.

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Sex, Sekten und Terror sind beliebte Sujets des Querdenkers. Dennoch ist „Elementarteilchen“ eines der furchtlosesten Bücher unserer Zeit und „Plattform“ die schönste Liebesgeschichte der Welt, zwar oder gerade weil sie auch ohne Happy End funktioniert.

In „Die Möglichkeit einer Insel“ können die Voyeure unter uns das Word „Muschi“ zwar schon auf Seite 4 das erste Mal lesen, aber alles in allem wird das Thema nicht so wie gewohnt variiert.

Daniel1, das scheinbare Original, ist Komiker und verdient mit seinen „geschmacklosen“ Sketchen über „Analsex mit Palästinenserinnen“ Millionen. Er trifft die ebenfalls erfolgreiche Blattmacherin Isabelle und beide verlieben sich ineinander. Als die Enddreißigerin ihren eigenen Verfall einsetzen sieht, zieht sie sich in sich selbst zurück, verweigert sich Daniel und verlässt ihn.

Daniel 1 verfasst daraufhin die Geschichte seines Lebens. Er hinterlässt sie seinem geclonten Nachfolger. Der tut es ihm gleich und pflanzt sich wiederum bis in die n+1nte Version mit immer dem gleichen Gesicht aus sich selbst heraus fort. Ohne Verständnis liest schließlich Daniel 24 die „Memoiren“ seiner Vorfahren, denn Gefühle wie Liebe, Trauer oder Wut sind ihm nicht vertraut.

„Auf der Suche nach einem Gefühl“ wäre ein ebenso treffender Titel gewesen, denn um den Verlust desselben geht es in Houellebequs neuem Roman. Das Sujet selbst ist nicht neu. Obwohl nie zitiert, liefert Baudrillards „Kool Killer“ (1978) in gewisser Weise die sozio-philosophische Steilvorlage. Schon hier geht es um die Vermassung des Subjekts. Clonen ist nur die Technik zum Trend. Was dabei auf der Strecke bleibt, kann hier nachgelesen werden.

Unglaublich traurig, bis Seite Hundert ohne Lichtblick und Zukunft. Ein anderer Houellebequ, ein fiktiver … und dabei bleibt’s hoffentlich.

(Diese Rezension erschien auch bei germanblogs.de)

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