60 Jahre, 60 Werke – 1 Jahr, 3 Werke

Berlin feierte sehr kurz 60 Jahre, 60 Werke und wir feiern ein ganzes Jahr lang 1959. Dieses Jahr, das als das goldene Jahr der deutschen Nachkriegsliteratur bezeichnet wird, bietet auch reichlich Anlass (und spaltet die Gemüter nicht so wie o. g. Werkschau). Gefeiert und erinnert wird an drei Autoren und diese Werke: Uwe Johnson „Mutmaßungen über Jakob“, Günter Grass „Die Blechtrommel“ und Heinrich Böll „Billiard um halbzehn“.
Wie man das Jubiläum (50 Jahre!) begehen will? So.

Lesen! wird Vorleser

Wie soll man leben? Was soll man lesen? Das sind die Fragen, die Kulturjournalisten in Krisenzeiten beschäftigen. Die Zweite wird zumindest bald beantwortet: Am Freitag (dem 10.7.) geht’s los. Zur Primetime (22.30 Uhr) treten Amelie Fried und Ijoma Mangold die Nachfolge der Heiden-Reich-Ranicki-Deutungshoheiten an. Der Anspruch ist löblich: Bei 80.000 Neuerscheinungen im Jahr braucht man schon einen oder zwei „Lotsen durch den Literaturdschungel“ (tv magazin stern), die einem sagen, was sich auf dem Nachttisch gut machen könnte. Ausgestrahlt werden soll die halbstündige Sendung 6 bis 8 Mal im Jahr.

Wer Amelie Fried ist, weiß jeder: im zweiten Leben Autorin, im ersten Moderatorin, u. a. der Sendung 3nach9 an der Seite von ZEIT Chefredakteur di Lorenzo.
Ijoma Mangold
kommt aus dem gleichen Stall wie Lorenzo. Er ist seit dem 1. April der Mann der zweiten Reihe im Zeit-Feuilleton und außerdem in allen namhaften Preisgremien des deutschsprachigen Literaturkarussells vertreten.

Bachmannpreis 2009

Mit den Preisträgern kann man leben, aber die rechte Begeisterung will sich nicht einstellen. Dennoch kann man (augenzwinkernd) grinsend auch wieder Vergnügen zugeben, diese immer etwas groteske Veranstaltung zu verfolgen.

Was fehlt:

  • etwas weniger ausgelutschte Themen
  • interessante Figuren
  • Jury-Enthusiasmus
  • weniger prätentiöse Porträtfilme (bitte keine Autor/in-am-Schreibtisch-Szenen mehr!)
  • fähigere Frauen

Bachmannpreis 2009 – zweiter Tag

Der 2.Tag und Teile der Jury enttäuschen weit mehr als die Texte.

Mit Ralf Bönt war ein Favorit auszumachen. Von dem wird man noch hören, meine ich und auch, dass seine Erzählung viel weniger mit Kehlmann zu tun hat als vor Ort und im Netz teilweise behauptet. Gutes Handwerk mit einem noch besseren Maß an Besonderheiten.

Ebenso hat Jens Petersen einen Eindruck hinterlassen und auch dieser würde einen Preis rechtfertigen.

Thematisch: Flüchtlinge, Naturwissenschaftler, Mietshausgeräusche, Krankheit und Tod = der alltägliche Querschnitt eben.

LINK

Bachmannpreis 2009 – erster Tag

Tag 1 in Klagenfurt und die großen Texte kommen wohl erst noch. Ein wenig Kafka, reichlich „Ich-Sätze“ und die viel zu artige Jury…

Das österreichische (- natürlich!) Papiermampfen war der Pseudo-Höhepunkt und damit auch gleich der mitleiderweckende Tiefpunkt. Da hat wohl wieder einmal jemand seine 15 Minuten einzufordern versucht. Obwohl er doch eigentlich gar nicht sooo untalentiert geschrieben/gelesen hatte…

LINK

SCHWEDEN. Reise in das Licht des Nordens

schwedenReisereportagen haben oft etwas zu lyrisch Verzücktes. Gerne verklärt man darin Land und Leute, schwärmt von Landschaften, von kleinen Abenteuern und den ach so liebenswürdigen Eigenschaften der Einheimischen.
Aber wie sonst sollte eine Reise nach Schweden beschrieben werden? Eine Reise in das Land, in dem es tolle Möbel und freundliche Menschen gibt und wo überhaupt alles Grün irgendwie noch grüner ist? In das Land, in dem „selbst die Natur nach sozialdemokratischem Muster möbliert“ ist? Weiterlesen

Joseph O’Neill: Niederland

222Zu den – (je nach Perspektive) zahlreichen oder spärlichen – Gemeinsamkeiten zwischen der deutschen und amerikanischen Gegenwartskultur zählt wohl das komplette Scheitern aller Versuche, Cricket irgendwo nahe der Gesellschaftsmitte zu etablieren. Zwar gibt es auch hier schon seit über 130 Jahren Cricket-Enthusiasten, doch sind diese bis heute Randgruppe geblieben. Und ebenso ergeht es ihnen in den Vereinigten Staaten.

Letzteres möchte Chuck Ramkissoon, der aus Trinidad stammt und zu einem begeisterten Amerikaner geworden ist, mit viel Leidenschaft, einem vorgeblich wasserdichten Plan und dem unerschütterlichen Glauben an den “American Dream“ (ein zentrales Thema des Buches, von dessen Hauptfiguren keine in Nordamerika geboren wurde) ändern. Denn der eloquente und einfallsreiche Neu-Amerikaner, der eigentlich Khamraj heißt, ist davon überzeugt, dass dieser Sport sein Land retten kann. Hans van den Broek, ein in Holland geborener und über London ebenfalls nach New York gekommener Börsenanalyst, soll ihm dabei helfen. Gleichzeitig ist er der Erzähler dieses Buches. (Was nicht die einzige Reminiszenz zu “Der große Gatsby“ bleiben wird.) Weiterlesen

„Handwerk hat doppelten Boden“ -Daniel Kehlmann: RUHM

ruhm1Es gilt als ziemlich sicher, dass Autoren nach einem Erfolgsbuch nur zwei Arten von Nachfolgewerken schreiben können: eins, das im Prinzip das gleiche Buch ist wie der hochgelobte Vorgänger oder eins, mit dem der/die Autor/in scheitert, weil es die Leserschaft nicht wie gewünscht erreicht (sei es, weil es einfach schlecht ist – sei es, weil es einfach zu gut ist). Im schlimmsten Fall hat sie/er ihr/sein Innerstes nach Außen gekehrt und viel von sich preisgegeben, um nun Opfer von allerlei Häme zu werden.

So sehr sich Autoren wünschen mögen, einmal das eine, das Super-Buch zu schreiben (und dieses auch als solches gelesen, besprochen und verkauft zu erleben), so sehr wird es auch zum Fluch, nach all den Interviews, Lesereisen, Huldigungen und Preisverleihungen an den Schreibtisch zurückzukehren. Der Verlag drängelt, die Journalisten fragen, die Leser bitten – was tun schreiben? Wo es doch komplett aussichtslos ist, ein weiteres derart erfolgreiches Buch schreiben zu können?

Weiterlesen